Sehr geehrter Herr Kultusminister Prof. Dr. Piazolo,

unter normalen Umständen würde ich Ihnen keinen Brief schreiben, ich würde mir auch wünschen, dass das gar nicht notwendig wäre. Die aktuelle Situation belastet uns als Schülerinnen und Schüler allerdings so schwer, dass es unumgänglich ist, Ihnen unsere Situation und unseren Standpunkt zu schildern. Deshalb will ich Sie vorweg schon einmal darum bitten diesen Brief ganz zu lesen. Ich weiß, dass das Corona-Thema ein sehr schwieriges und emotionales ist, aber gerade aus diesem Grund ist es wichtig, dass Sie unseren Standpunkt nachvollziehen können.

Zunächst will ich kurz auf meine Sicht als Schülersprecher am Gymnasium Pfarrkirchen eingehen.
 Für uns alle kam die Schulschließung sehr plötzlich. Die meisten hätten sich gewünscht, dass sie weiter in die Schule gehen könnten, obwohl natürlich klar war, dass das aus Sicht des Infektionsschutzes nicht machbar war. Jetzt sollen ab dem 11. Mai die ersten Klassen wieder unterrichtet werden. Die Frage die sich die meisten stellen ist nun durchaus berechtigt: Wie soll das ablaufen?
Es existiert kein realistisches Schülerbeförderungs- oder Hygienekonzept. Ihr Vorschlag zu Letzterem, den Sie in der Pressekonferenz gemacht haben, ist in der Form sehr schwer umsetzbar. Zum einen ist es völlig unmöglich, Kontakte unter den Schülerinnen und Schülern zu verhindern und einen sicheren Infektionsschutz zu gewährleisten, zum anderen ist die Art „Isolation“, in der sich die Schülerinnen und Schüler dann befinden, eine sehr große psychische Belastung.
 Um das zu verdeutlichen: Selbst wenn sich alle – Schüler und Lehrer – an die Regelungen halten würden gäbe es immer noch Schwachstellen. Diese wären beispielsweise Türklinken, Wasserhähne auf den Toiletten etc. pp. Einzig das Abstandhalten reicht nicht aus, um uns komplett zu schützen. Es ist also schlicht nicht möglich, das Infektionsrisiko wirklich zu senken. Schulen waren bereits immer ein Ort mit hoher Infektionsgefahr und sie werden das auch immer sein.
Außerdem wissen wir natürlich alle, wie sehr Prüfungssituationen in uns Stress auslösen. Da sitzen alle weit auseinander, keiner darf miteinander sprechen und jeder ist isoliert. Das ähnelt doch Ihrem Hygienekonzept sehr stark. Stellen Sie sich vor, Sie wären als Schüler in den Unterrichtsstunden, Ihre Freunde würden neben Ihnen sitzen und Sie dürften sich nicht mal auf 1,5 m nahe kommen, geschweige denn miteinander reden. Ich bin mir sicher, dass das in Ihnen genau so viel Unmut und Stress auslösen würde als in uns. Niemand will unter solchen Umständen den Unterricht besuchen. Abgesehen von der verminderten Produktivität des Unterrichts. Es sind zusätzliche Zwischenpausen notwendig, die den Raumwechsel ermöglichen – der benötigt ja sehr viel Zeit, wenn man den Abstand wahren soll. Man ist außerdem in den Pausen praktisch unter ständiger Beobachtung. Bewegung, um den Kopf wieder frei zu kriegen, ist nicht möglich, genauso wenig wie der Aufenthalt in den Gängen.
Wir sollen also wieder unter diesen Bedingungen in die Schule, obwohl wir uns damit in unmittelbare Gefahr begeben. Und diese Gefahr betrifft eigentlich nicht primär uns, sondern unsere Eltern, Großeltern, Familie und Verwandte. Allein eine Infektion an unserer Schule reicht aus, um eine Kettenreaktion auszulösen. Zu Hause achtet man nie so stark auf die Hygieneregeln, und da ist es gut möglich, dass sich auch Familienmitglieder anstecken. Man darf ja nicht vergessen, dass es nach den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen bis zu zwei Wochen dauern kann, bis man Symptome zeigt – falls überhaupt welche auftreten. Es ist außerdem noch gar nicht geklärt, ob es bei genesenen COVID-19-Patienten nicht zu einem erneuten Ausbruch kommen kann.
Um das Risiko mal anhand eines konkreten Beispiels darzustellen: Wir in Deutschland haben eine Sterblichkeitsrate von ca. 2,5 % (Stand 14. April 2020, Zahlen des RKI). Sollte sich eine ganze Familie anstecken (hier: ca. 8 Personen: 2 Kinder, 2 Elternteile, 4 Großeltern) würde im Schnitt jede fünfte Familie ein Mitglied durch das Coronavirus verlieren.
Aber es geht hier nicht um Zahlen in einer Statistik, sondern um Menschen. Jedes Menschenleben das wir wegen des Virus verlieren ist eines zu viel. Ich persönlich möchte meine Eltern und Großeltern nicht irgendeiner Gefahr aussetzen, die sich vermeiden lassen würde, genau so wie alle meiner Mitschülerinnen und Mitschüler das nicht wollen würden. Versetzen Sie sich bitte in diesem Punkt in die Schülersicht. Ich denke, Sie würden genauso wenig Ihre Verwandten in Gefahr bringen wollen, nur weil Sie wieder in die Schule gehen sollten.

Aus meiner Sicht wäre das einzige konsequente Vorgehen, die Schulen mindestens bis zum Ende des Schuljahres zu schließen. Die Gefahr, die von den Schulen ausgeht, ist nicht zu unterschätzen, die Schulen dürfen nie über der Gesundheit des Einzelnen stehen. Die Schulöffnung geschieht zu schlicht früh, und um es klar zu sagen: Sie sind für jede Infektion in der Schule persönlich verantwortlich, genau so wie für alle Folgen, die die durch die Schulöffnung Infizierten tragen müssen.
Ich empfehle Ihnen persönlich stattdessen die Möglichkeiten des digitalen Unterrichts auszubauen. Mebis vergessen Sie dabei am besten schnell, das hat sich in der regulären Anwendung als zu langsam, instabil und unzureichend herausgestellt. Stattdessen sollte das Kultusministerium alle Schulen mit Microsoft Office-Paketen (im Rahmen des FWU-Rahmenvertrags; das lässt sich hervorragend in das bestehende System integrieren) ausstatten und den Unterricht digital über Microsoft Teams durchführen. Das muss allerdings gut geplant werden. Die Lehrer brauchen neben Einweisungen auch konkrete Tipps für digitalen Unterricht und es muss an jeder Schule feste Stundenpläne für die Online-Meetings geben, bei denen auch Anwesenheitspflicht besteht. Das gilt logischerweise nicht für die äußerst geringe Anzahl an Schülern, deren Internetgeschwindigkeit dafür erwiesenermaßen nicht ausreicht.
Ordentlich geplant und bayernweit einheitlich umgesetzt könnte man so den Unterrichtsausfall von Zuhause aus reduzieren, ohne irgendjemanden irgendeiner Gefahr auszusetzen. So unkontrolliert wie vor den Osterferien darf das allerdings nicht weitergehen, dafür muss das wirklich einheitlich geregelt werden.



Neben meiner Tätigkeit als Schülersprecher bin ich aber auch Stufensprecher der Q12 am Gymnasium Pfarrkirchen. Gerade deshalb ist es für mich noch viel wichtiger, dass eine ordentliche Lösung für unser Abitur gefunden wird. Aktuell herrscht in meiner Stufe sehr viel Verwirrung und vor allem auch Unmut gegenüber dem Kultusministerium. Für uns ist klar, dass das Abitur zum geplanten Zeitpunkt nicht durchführbar ist. 
Der übrige für das Abitur relevante Stoff wurde in manchen Fächern noch gar nicht durchgenommen. Die Lehrkräfte haben sich zwar Mühe gegeben, das ganze Online zu vermitteln, funktioniert hat das aber nicht wirklich. Aber auch in den Fächern, in denen der Stoff schon abgeschlossen wurde, konnten wir uns nicht ordentlich auf das Abitur vorbereiten. Normalerweise übt man im Unterricht immer Beispielaufgaben, die werden erklärt und es gibt Hinweise, auf was genau man wo achten muss. So etwas kann man gar nicht von Zuhause aus machen, vor allem nicht, wenn der Unterricht nicht – wie bereits erwähnt – einheitlich online stattfindet. Ganz abgesehen davon, dass bei jedem andere Lernbedingungen vorliegen. Sie haben gesagt, dass es auf jeden Fall ein faires Abitur gibt, aber haben bis jetzt kein akzeptables Konzept für eines vorgestellt.

Hier will ich klar und deutlich meinen Standpunkt beziehen: 
Wir brauchen faire Bedingungen. Sie kommen nicht um eine Verschiebung des Abiturs um mindestens drei Wochen herum. Sie müssen umgehend eine Entscheidung treffen. Weiter warten kommt nicht infrage, denn je länger Sie das tun, desto mehr Wut erzeugen sie in der Schülerschaft. Es ergibt aber auch keinen Sinn auf Biegen und Brechen irgendwie ein Abitur zu schreiben. Man muss offen sein für alle Lösungen, vor allem wenn man selbst keine anbieten kann. Wenn es aus hygienischer Sicht unmöglich ist ein faires Abitur zu schreiben dann ist ein Durchschnittsabitur mit freiwilliger Prüfung nun einmal die Ultima Ratio. Ein Durchschnittsabitur von Anfang an auszuschließen ist aus Prinzip falsch.
Bis jetzt sind Sie uns Abiturientinnen und Abiturienten kein Stück entgegengekommen. Deswegen bitte ich Sie abschließend inständig:

Schützen Sie die Gesundheit von uns und unseren Familien und schließen Sie die Schulen bis zu den Sommerferien, erarbeiten Sie ein ordentliches, bayernweites und einheitliches Konzept für digitalen Unterricht, nehmen Sie dabei die Lehrer an der Hand, verschieben Sie die Abiturprüfungen um drei Wochen und erwägen Sie als letzte mögliche Lösung ein Durchschnittsabitur mit freiwilliger Prüfungsmöglichkeit. Die Bildung darf nie einen höheren Stellenwert bekommen als die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger.

Ich hoffe, dass Sie meinen Standpunkt nachvollziehen können und würde eine Antwort bzw. eine ausführliche Darlegung Ihres Standpunktes sehr begrüßen.
Mit freundlichen Grüßen

gez. Nick Kelldorfner