Die nationale Akademie der Wissenschaften hat ihre Empfehlungen für eine langsame Rückkehr zum regulären Alltag in einer Stellungnahme am 13. April ausführlichst dargestellt. Gerade diese Stellungnahme sollte laut der Bundeskanzlerin am Mittwoch ausschlaggebend für die Konferenz mit den Ministerpräsidenten der Länder über das weitere Vorgehen sein. Und vorweg: Ja, es ergibt Sinn über ein Vorgehen nach Corona nachzudenken. Viele der Vorschläge der Ad-hoc-Stellungnahme ergeben ja auch Sinn, aber bei dem Punkt “Bildungsbereiche schrittweise öffnen” kann man nur den Kopf schütteln. Nachfolgend wollen wir erklären, wieso eine Rückkehr zum Schulalltag zum jetzigen Zeitpunkt nicht angebracht ist.


“Die Wiedereröffnung der Bildungseinrichtungen sollte sobald wie irgend möglich erfolgen, und zwar schrittweise und nach Jahrgangsstufen differenziert. [...] Alle Maßnahmen sind auf längere Zeit unter Einhaltung der Vorgaben zu Hygiene, Abstand, Mund-Nasen-Schutz, Testung und die Konsequenz der Quarantäne umzusetzen.”

Der Gedanke, dass man die Hygienemaßnahmen einhalten sollte ist zwar in der Theorie gut, die Umsetzung ist aber in der Praxis völlig unmöglich. Jeder Schüler, jeder Lehrer und jeder Schulleiter weiß, dass man die Kontakte von Schülern gar nicht beschränken kann. Abstand halten ist in den Pausen ohnehin schwer, sogar bei Schichtpausen würde das nicht funktionieren. Außerdem wären nach dem Vorschlag vielerorts wieder mehr Klassen in der Schule als man überhaupt Schichten einteilen könnte. Das ist organisatorisch genauso unmöglich wie die Klassen mitten im Schuljahr zu teilen. Um den Abstand einzuhalten bräuchte man ja kleinere Klassen, denn ausreichend große Räumlichkeiten stehen meist gar nicht zur Verfügung.

Die Schulleitungen sitzen in den Sommerferien vier Wochen vor Schulbeginn in der Schule und arbeiten unter Hochdruck an einem fairen Stundenplan. Durch die Wahlmöglichkeiten in Bayern wird die Aufteilung der Stunden noch schwerer. Und jetzt soll man nochmal alle Klassen und die verschiedenen Lerngruppen teilen, so schnell wie möglich?

Wenn nach und nach wieder mehr Schüler in die Schule kämen, würden auch neue Räume benötigt werden. Die Klassengröße zu halbieren heißt nämlich auch den Raumbedarf zu verdoppeln. Und den Schulen stehen meist gar keine Räume mehr zur Verfügung - wo soll man also hin?

Aus Sicht von uns Schülern, die gerade im 12. Jahr stecken, sind diese Vorschläge völlig unverständlich. Das Infektionsrisiko kann man nicht ausschalten - das geht schlicht nicht. Zwar sind Schüler jünger und im Durchschnitt weniger gefährdet, aber man darf auf keinen Fall vergessen: Gerade deshalb könnten ein oder zwei Schüler die Hygieneregeln missachten. Genau die ein-zwei Schüler reichen jedoch, um die anderen, die sich brav daran halten, anzustecken. Und dabei gehört auch ein Teil der Schüler und Lehrer zur Risikogruppe. Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Asthma etc. pp. Die Schule birgt die Gefahr ein Infektionsherd zu werden. Durch die Neuansteckung von Schülern würde das Virus - noch viel mehr als zuvor - unmittelbar auch die Eltern und Großeltern gefährden.

Nur um das zu verdeutlichen: Wir in Deutschland haben eine Sterblichkeitsrate von ca. 2,5% (Stand 14. April 2020, Zahlen des RKI). Sollte sich eine ganze Familie anstecken (hier: ca. 8 Personen: 2 Kinder, 2 Elternteile, 4 Großeltern) würde im Schnitt jede fünfte Familie ein Mitglied durch das Coronavirus verlieren. Ist es das wirklich wert, nur weil die Kinder wieder in die Schule müssen?


“Da die Möglichkeiten des Fernunterrichts mit zunehmendem Alter besser genutzt werden, kann die Rückkehr zum gewohnten Face-to-Face-Unterricht in höheren Stufen des Bildungssystems weiter hinausgeschoben werden. In der gymnasialen Oberstufe kann in höherem Maße auf das selbstorganisierte Lernen der Schülerinnen und Schüler, auf der Basis digitaler und analoger Lernmedien, gesetzt werden.”

Aus eigener Erfahrung können wir sagen, dass das nicht der Fall ist. Es gibt Lehrer, die diese Methoden nutzen, aber auch Lehrer, die das nicht tun. Den meisten kann man aber keinen Vorwurf machen, viele wissen einfach nicht wie sie die Funktionen der unzähligen digitalen Lernmethoden richtig nutzen können und die meisten fühlen sich dadurch vielleicht ein Stück weit erschlagen. Wenn Lehrer zu Hause sind und rätseln, warum ihre Kamera oder ihr Mikrofon nicht funktioniert, ist das nicht wie in der Schule - da könnte man ja Schüler fragen. Überkomplizierte Portale wie “mebis” helfen da im Übrigen auch nicht weiter.

E-Schooling hört sich zwar ganz toll an, die Mehrbelastung die damit für die Lehrer und Schüler entsteht ist aber sehr groß. Digitaler Unterricht hat vielleicht Potenzial, aber nur wenn die Einführung im Vorfeld gut vorbereitet wird.

Wenn also überhaupt irgendjemand wieder in die Schule muss, dann doch nicht nur die Abschlussklassen der Sekundarstufe I, sondern auch die Abiturienten.


So gerne wir auch wieder in der Schule wären und unser Abitur unter normalen Umständen schreiben würden - das wird nicht möglich sein. Es ist unverantwortlich, zu diesem Zeitpunkt zum regulären Schulalltag zurückzukehren. Wir erlangen jeden Tag neue Erkenntnisse über das Virus, manchmal auch Widersprüchliches. Die Studienlage ist in vielen Punkten nicht eindeutig - mittlerweile ist nicht einmal mehr sicher, ob jeder Patient eine Immunität aufbaut.

Um alles zusammenzufassen: Die einzige sichere Variante wäre die Verlängerung der Schulschließungen. Und das ist die einzige sinnvolle Lösung.
Es ist völlig unverständlich wie Wissenschaftler zu dem Schluss kommen können, dass der Schulalltag unter den aktuellen Umständen wieder hochgefahren werden sollte.

Zitatquelle: https://www.leopoldina.org/uploads/tx_leopublication/2020_04_13_Coronavirus-Pandemie-Die_Krise_nachhaltig_überwinden_final.pdf